Auswirkungen der Corona-Krise (1/2)

Sie ist das Thema der letzten Wochen und Monate: die Corona-Krise. Es wurde viel berichtet und diskutiert. Über Fallzahlen, die Konsequenzen für Kleinunternehmer ebenso über jene für ganze Industriezweige. Doch wie sieht die Lage in mittelständischen Unternehmen mit globaler Präsenz aus? Welche kritischen Faktoren müssen umschifft werden und kann eine Pandemie überhaupt Chancen bieten? Vor diese Fragen wurden die POLIFILM Teilkonzern CEOs Paul Beaver, POLIFILM PROTECTION, und Eckehard Betz, POLIFILM EXTRUSION gestellt.

In Teil 1 des Interviews finden Sie die Antworten, wie Kunden und Märkte agiert haben und ob sich die Auswirkungen innerhalb einer Unternehmensgruppe wirklich gleichen? 

 

Zu Anfang machte lediglich China Schlagzeilen, dann gab es in Italien, als erstem Land in Europa, ebenfalls Fälle von COVID-19. Beides Länder, in denen POLIFILM Produktionsstandorte hat. Inwieweit haben Sie zum damaligen Zeitpunkt das weitere Ausmaß abschätzen können?

PB: Ehrlich gesagt, gar nicht. Wir haben etwas derartiges noch nie erlebt. Wir wussten und wissen auch heute noch nicht genau, wie lange die Pandemie anhält und in welchem Ausmaß sie uns alle treffen wird. 

EB: Ich kann mich Paul nur anschließen. Die allerwenigsten unter uns haben bewusst schon einmal eine Pandemie durchgemacht. Vom aktiven Managen derartiger Auswirkungen auf die Wirtschaft, global und regional und in diesem Ausmaß, ganz zu schweigen. Wir waren plötzlich alle gleich - Führungskräfte, Politiker, Experten, Mitbürger. Wir konnten uns bis jetzt nur durch aufmerksames Beobachten der Entwicklung und gesunden Menschenverstand geleitete Maßnahmen durch die Krise hindurch tasten.

 

Wie haben Ihre Kunden, Ihre Märkte auf die schnelle Verbreitung der heute bekannten Pandemie reagiert?

PB: Auf sehr unterschiedliche Weise. Wenn wir die Extreme miteinander vergleichen, dann hatten wir jegliches Szenario dabei. Von der vereinzelten Großkundenschließung in Großbritannien über den vollständigen Lockdown bei Kunden in Spanien bis hin zu Ländern, die ihre Geschäftstätigkeit lediglich senkten oder wie Deutschland weitestgehend im Normalbetrieb liefen. (Anmerk. der Red.: PB hat seinen Sitz in UK)  

 

Herr Betz, die EXTRUSION hat Ihren Sitz in Ostdeutschland. Können Sie die Wahrnehmung Ihres Kollegen bestätigen? 

EB: Unsere Kunden und Lieferanten, ebenso wie wir, waren darauf aus, die Lieferkette gegen alle Widrigkeiten aufrecht zu erhalten und die Lieferzusagen einzuhalten. Durch diese Einstellung ereilten uns am Standort beispielsweise frühzeitig Einforderungen von Pandemieplänen. Ich kenne diese „Was-wäre-wenn“-Pläne noch aus meiner Zeit in der Automobilindustrie. Leider war meine POLIFILM-Schreibtischschublade hinsichtlich dieser leer, so dass wir alle schnell reagieren mussten, um unseren Partnern – und uns selbst – das Gefühl von Beruhigung zu verschaffen.

 

Wie gelang Ihnen das? 

EB: In einem Adhoc Workshop schafften wir die Rahmenbedingungen zum Managen der Krise und stellten einen Corona Arbeitskreis zusammen. Aus diesem heraus wurden hunderte Maßnahmenideen erstellt, geprüft und davon rund 60 eingeführt. Diese hatten konkrete Auswirkungen auf uns alle – Lieferanten, Dienstleister, Partner und Kunden eingeschlossen - beruflich wie privat, und damit auch in Konsequenz auf das Unternehmen. Um stets alles aktuell zu halten, traf sich der Kreis täglich.

PB: Täglich, das war auch das Stichwort in der POLIFILM PROTECTION. Unsere Planung konnte in der Hochphase selten über die Dauer einer Woche hinaus gehen. Das liegt nicht zuletzt an unserer breiten internationalen Ausrichtung.

 

Können Sie darauf näher eingehen?

PB: Als global aufgestelltes Unternehmen gab es für uns keinen Tag der dem anderen glich. Während wir in einigen Teilen der Welt die Pandemie und damit ein verändertes Nachfragebild sahen, wurde in den anderen Teilen verstärkt geordert. Das Einzige, das wir nach kurzer Zeit sicher wussten, war: es wird (fast) alle treffen. Denn am Ende ist die Welt eben doch nur ein Dorf.

 

Was war die größte Herausforderung?

PB: Für uns ebenso wie für die Märkte, die wir bedienen, lief es in den ersten Monaten des Jahres mehr als gut. Das geriet durch Corona schlagartig ins Wanken. Denn anders als eine normale Rezession, kam der Virus unvorhersehbar über Nacht.

EB: Das ist auch der Grund, warum er so viele Ängste schürt. Die Gefahr war und ist so ungreifbar. In der Weltwirtschaftskrise 2009 gab es noch die Banken, die man herrlich verteufeln konnte. Aber jetzt? Diesem nicht fassbaren Virus und den damit verbundenen Sorgen zu begegnen, sowohl Partnern als auch Mitarbeitern gegenüber, bildet wohl eine der größten Herausforderungen. 

 

Machen sich diese Ängste auch durch Auswirkungen auf ihr Portfolio deutlich?

EB: Wir haben in der EXTRUSION einen enorm breiten Kundenstamm, der in vielen Industrien beheimatet ist. Dadurch gab es natürliche Ausgleiche. Dem einen Branchenzweig ging es schlecht, während der andere, beispielswiese rund um Hygieneartikel, gerade zu brillierte. Ich denke, in der PROTECTION war dies nicht anders?

PB: Definitiv nicht. Auch wir haben beides erlebt. Zusammen mit dem Management Team konnten wir die freiwerdenden Kapazitäten durch den Wegfall stark betroffener Marktsegmente aber ideal nutzen und ausgleichen. Wir forcierten dabei die Belieferung von Herstellern von Produkten, die zur Bekämpfung von und zum Schutz vor Corona eingesetzt werden, wie medizinischen Trennwänden, Gesichtsvisieren und provisorischen Niesschutzwänden aus Kunststoff. Bei deren Produktion Schutzfolien wichtig für die Oberflächenqualität sind.   

EB: Sowas kennen wir auch. Die EXTRUSION bietet jetzt zum Beispiel Einmal-Frisörumhänge an und hat an Krankenhäuser Folien geliefert, die der Abgrenzung von Patienten dienen. Das gab uns Ideen zu weiteren hygienerelevanten Anwendungen, die gerade in Prüfung sind.

 

Corona brachte also neue Applikationen mit sich.

EB: Und nicht nur das. Es änderte meiner Meinung nach auch die Sichtweise auf unsere Industrie. Waren wir vorher im besten Falle Verpackungshersteller und im schlimmsten Umweltverschmutzer, bescheinigte uns die Krise die Systemrelevanz. Wie wichtig es ist, die Logistikketten in solchen Situationen aufrecht zu erhalten, hat der plötzlich aufgetretene Engpass an Hygieneartikeln gezeigt. Ich sage nur: Toilettenpapier. Dass diese Knappheit nicht an uns lag, haben wir alle mit viel Hingabe und Energie sichergestellt. (Anmerk. D. Red. sagte Betz mit einem Augenzwinkern)

Da sagen Sie was. In Deutschland waren es Mehl und Toilettenpapier, in Italien Eier. Doch nicht nur im Einkaufsverhalten der Verbraucher gab es starke Unterschiede. Auch auf gesellschaftlicher und politischer Ebene gab es differenzierte Maßnahmen- und Regelkataloge als auch zeitlich verschiedene Implementierungen derselben.

Haben Sie solche Unterschiede auch in der Organisation gespürt? 

EB: Bei der EXTRUSION haben wir uns bisher innerhalb Deutschlands in den Werken und der Vertriebsorganisation gut abstimmen können. Den Niederlassungen außerhalb Deutschlands haben wir aber freie Hand gegeben, sich selbst im Rahmen der örtlich herrschenden Gesetzgebung zu optimieren.  

 

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein? 

PB: Die aktuelle Situation könnte besser, aber auch schlechter sein. Wir sehen in einer Reihe von Ländern, die wir heute bedienen, eine langsame Rückkehr auf ein normales Geschäftsniveau. Natürlich könnte sie gewünscht schneller sein. Im Allgemeinen kommen wir aber dank all unserer Bemühungen gut voran und unterstützen unsere Kunden soweit es uns möglich und ebenfalls gewünscht ist, so gut es geht.

EB: Die ersten Schritte Richtung Normalität versuchen wir kontrolliert auch intern zu gehen. Wir sind bisher Corona-frei. Nicht deswegen, sondern trotzdem, haben wir bereits viele der eingeführten Maßnahmen wieder gelockert oder aufgehoben und vertrauen dafür umso mehr auf den gesunden Menschenverstand unserer Mitarbeiter, sich selbst und ihre Kollegen zu schützen.

 

Man sagt, dass jede Krise auch Chancen bereithält. Welche gab es für POLIFILM?

PB: In erster Linie konnten wir unter Beweis stellen, was wir seit jeher versprechen: Wir sind ein verlässlicher Partner für unsere Kunden. Wir demonstrierten absolute Flexibilität – auf Portfolio-, Management- und Standortebene.  Wir waren für alle jederzeit erreichbar. Auch für die Kunden aus den Ländern, deren Wirtschaft am meisten gelitten hatte, Betriebsschließungen inklusive. Wir konnten garantieren, das auf jeder Personal- bzw. Hierarchieebene Ansprechpartner für die schnelle und verlässliche Kommunikation mit dem Kunden bereitstanden. 

 

Für den Kunden dazu sein ist das eine. Aber wie gelang man als Unternehmen, mit seinen Mitarbeitern durch eine Pandemie? Was hilft Führungskräften in solchen Extremfällen wirklich und vor allem – kann danach alles so sein wie vor her? Um all diese Fragen geht es im zweiten Teil. Lesen Sie hier mehr.

 

(Anmerkung der Redaktion: Aufgrund besserer Lesbarkeit wurde auf die geschlechterspezifische Nennung/Schreibweise verzichtet.)